Chemie unter'm Weihnachtsbaum
Voraussicht schützt vor Schaden: Chemie unterm Weihnachtsbaum
Warum ein Herz aus Teelichtern chemisch betrachtet ein Molotow-Cocktail mit Docht ist.
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern,
es ist wieder so weit: In Sprockhövel riecht es nach Zimt, der Schokoladenkonsum wird als „Nervennahrung“ medizinisch notwendig und „Last Christmas“ testet unsere mentale Belastbarkeit. Wir verstehen das. Wirklich. Und wir wissen auch, dass Instagram und Pinterest voll sind mit Deko-Ideen, die sooo gemütlich aussehen.
Eine davon bereitet uns als Fachschaft Chemie allerdings mehr Sorgen als ein Schüler, der im Labor fragt: „Soll das so rauchen?“
Es geht um das Teelicht-Herz. ❤️
Die Idee: Man nehme viele kleine Teelichter, stelle sie „kuschelig“ eng aneinander in Herzform auf und überrasche die Liebsten. Das sieht für genau fünf Minuten fantastisch aus. Danach übernimmt leider die Chemie das Kommando – und chemische Reaktionen haben leider absolut keinen Sinn für Romantik.
Aggregatzustände außer Rand und Band
Um zu verstehen, warum das gefährlich ist, machen wir einen kurzen Ausflug in die erste Reihe des Chemieunterrichts (bitte nicht gähnen, es rettet Leben!). Eine Kerze durchläuft beim Brennen verschiedene Aggregatzustände: Das Wachs ist erst fest. Durch die Hitze wird es flüssig, klettert den Docht hoch und wird dort schließlich gasförmig, um zu verbrennen. Ein ganz normaler Vorgang, so friedlich wie ein schlafender Dackel.
Wenn ihr die Teelichter aber Schale an Schale in ein Herz packt, passiert Folgendes: Die silbernen Aluschälchen leiten Wärme besser als der Schulflurfunk Gerüchte. Die Kerzen geben ihre Hitze brüderlich an die Nachbarn weiter. In der Mitte dieses Lichtermeeres staut sich die Hitze massiv an.
Das Wachs denkt sich: „Okay, Party!“ und wird viel zu schnell viel zu heiß. Der Übergang vom flüssigen in den gasförmigen Zustand gerät völlig außer Kontrolle. Plötzlich dampft nicht mehr nur der Docht, sondern die gesamte flüssige Oberfläche. Das Ergebnis: Plötzlich brennen nicht mehr die kleinen Dochte, sondern das komplette gasförmige Wachs über den Schälchen. Aus vielen kleinen Flammen wird ein einziger, aggressiver Flächenbrand. Euer romantisches Herz steht in Flammen – das sieht dann weniger nach „Hyggelig“ aus, sondern eher nach dem Finale eines Actionfilms.
Der Reflex-Fehler: Wasser marsch? Bloß nicht! 🚫
Jetzt wird es kritisch. Wenn der Wohnzimmertisch den Aggregatzustand zu „brennendes Inferno“ wechselt, schaltet unser Gehirn gerne in den Höhlenmensch-Modus: „Feuer böse! Wasser gut! Ugh!“
Bitte seid schlauer als der Neandertaler in euch.
Warum? Chemie, 7. Klasse: Wasser hat eine höhere Dichte als Wachs. Kippt ihr Wasser in das brennende Kerzen-Herz, sinkt es sofort nach unten auf den Boden der überhitzten Alubecher (wo es heißer ist als in einer Sauna auf dem Merkur).
Dort wechselt das Wasser explosionsartig seinen Aggregatzustand von flüssig zu gasförmig. Da Wasserdampf ca. 1700-mal mehr Platz braucht als flüssiges Wasser, reißt er das brennende Wachs mit nach oben. Ihr erzeugt damit keine kleine Rauchwolke, sondern einen riesigen Feuerball, der sich im ganzen Zimmer verteilt. Das nennt man Fettexplosion. Eure Augenbrauen (und die Gardinen) werden es euch danken, wenn ihr das lasst.
Die Lösung: Der Held aus dem Küchenschrank 🍳
Wir Chemiker wissen: Feuer braucht Sauerstoff. Nehmen wir ihm die Luft, ist die Party vorbei.
Also: Rennt in die Küche, schnappt euch einen großen Pfannen- oder Topfdeckel. Haltet ihn wie ein Schild vor euch und legt ihn zügig und flach auf das brennende Herz. Der Deckel sperrt die Luft aus, das Feuer erstickt sofort. Kein Wasser, kein wildes Pusten (wir sind hier nicht beim Kindergeburtstag!), einfach nur: Deckel drauf.
Das ist mutig, fachwissenschaftlich korrekt und ihr dürft euch danach fühlen wie ein Feuerwehrmann im Chemiemantel.
Wir wünschen euch eine wunderbare, entspannte Adventszeit. Genießt die Feiertage, esst genug Plätzchen und lasst zwischen den Teelichtern immer genug Sicherheitsabstand – Kuschlen ist zu Weihnachten nur für Menschen erlaubt, nicht für Kerzen.
Wir sehen uns im neuen Jahr – gesund und munter!
Frohes Fest,
Eure Fachschaft Chemie Mathilde-Anneke-Schule Sprockhövel

